Willehalm Institut Nachrichten
Jrg. 1, Nr. 1 – Mai 2002 willehalm@wxs.nl Richtpreis € 2.50/SFR 3.50
‘groezer wunder selten ie geschah!‘
Von Chastel Marveil nach Munsalvaesche
Kosmopolitische Burgenwanderung von Istein über Basel nach Dornach/Arlesheim – Neugründung der Eremos-Gesellschaft für Gralsforschung
Im Anschluss an das vom elsässischen Verein Pro Landskron durchgeführte Burgentreffen in der Schweiz vom 15. März, 2002 plant nun das niederländische Willehalm Institut für Gralsforschung, Königliche Kunst und Sozialorganik, zusammen mit dem elsässischen Verein La Route Du Graal, am Pfingsten 2002, den 18. und 19. Mai ein kosmopolitische Burgen-wanderung. Wie schon angekündigt worden ist in der Pressemeldung des Willehalm Institutes vom 23. April führt diese “Route des Grals” vom Isteinerklotz am Oberrhein in Deutschland durch die mittelalterliche Stadt Basel hin nach Dornach/Arlesheim in der Schweiz. Damit soll an den Ritt erinnert werden, den der Andlauer Gralsritter Parzival – zusammen mit seinem schwarz-weiß gefleckten Halbruder Feirefiz von Andlau und unter Führung der Arabischen Gralsbotin Cundrie – am Pfingstsamstag den 12. Mai 848 gemacht haben soll von Chastel Marveil, der Zauberburg des sizilianischen Schwarzmagiers Clinschors auf dem Isteinerklotz, über Basel, Wolframs Barbigoel oder Lîz, bis zur Gralsburg Munsalvaesche auf dem Hornichopf, einem Hügel in der heutigen Arlesheimer Ermitage. Dort habe Parzival noch am gleichen Tag dem dahinsiechenden Fischerkönig Anfortas die erlösende Frage ‘Oheim, was fehlt Dir?’ gestellt um damit – mit Hilfe desjenigen, der Lazarus aufstehen ließ – den Anfortas zu heilen und selber auf eine solche erstaunliche Art und Weise ein neues Gralskönigtum zu erwerben, dass der Einsiedler Trevrizent dabei ausrief: ‘groezer wunder selten ie geschach!’
Am Pfingstmontag, dem 20. Mai soll schließlich die im Jahre 1985 in Arlesheim gegründete, aber seitdem eingeschlafene Eremos-Gesellschaft für Gralsforschung wieder ins Leben gerufen werden, und zwar mit dem Zweck, u.a. auch dort dasjenige Erstwerk zu fördern und nach Vermögen weiterzuführen, aus dem die oben genannten Daten und sonstigen Gegebenheiten entnommen sind: das schon im Jahre 1974 vom Goetheanum, Freie Hochschule für Geistes-wissenschaft in Dornach, herausgegebene Buch des Schweizer Gralforschers Werner Greub (1909-1997) Wolfram von Eschenbach und die Wirklichkeit des Grals.
Wolfram von Eschenbach und die Wirklichkeit des Grals
Hauptergebnis dieses für manche zunächst wohl erstaunliches, so nicht völlig unglaubliches Forschungs-berichtes ist es, dass Wolfram von Eschenbach nicht “nur” der hervorragendste mittelhochdeutsche Dichter des Mittelalters gewesen sei, sondern ein ebenso hervorragender Historiker und Geograph. Demnach sollen die von ihm in seinem Parzival so bildhaft beschriebenen Gralsereignisse nicht im 12., sondern im 9. Jahrhundert stattgefunden haben, und soll es sich beim zentralen Schauplatz dieser Ereignisse, dem Terre de Salvaesche mit der Gralsburg Munsalvaesche damals nicht um den Montségur auf der Französische Seite der Pyrenäen oder sonstwo handeln, sondern eben um die Arlesheimer Ermitage, einem nur einige km südlich von Basel gelegenes Gebiet. Diese immer noch bezaubernde Englische Gartenanlage mit ihren zahlreichen Höhlen und Grotten, schlingernden Fußwegen und Fischweihern an die Fuße des Juragebirges war eine uralte Keltische und später christliche Mysterien-stätte. Diese historische Kulturlandschaft wurde zuerst von Rudolf Steiner, dem Begründer der Wissenschaft vom Gral oder Anthroposophie, am Anfang des 20. Jahrhunderts als Wolframs Gralsgebiet (Terre de Salvaesche) des 9. Jahrhunderts bezeichnet, wo Parzivals schicksalhafte Begegnungen mit seiner Nichte Sigune und dem Einsiedler Trevrizent stattgefunden haben sollen. Diese beiden Begegnungsorten sowie Wolframs Gralsburg Munsalvaesche sind von Werner Greub an Hand des Urtextes von Parzival genau lokalisiert worden, ohne das jedoch – mangels ernsthaften archäologischen Forschungen – bis jetzt entschieden werden konnte, ob sich die Gralsburg mit der unterirdischen Tempel bzw. Überbleibsel derselben wirklich dort – an einer alten Römischen Steingrube auf den Hornichopf – befunden haben.

Die Arlesheimer Ermitage im 18. Jahrhundert als Englische Gartenanlage. Der zweite Hügel von rechts ist der Hornichopf.
Der erste Teil des Forschungsberichtes von Werner Greub unter dem Titel Willehalm – Kyot behandelt den Willehalm. Dies ist ein unvollendetes Epos von Wolfram von Eschenbach über einen Paladin Karls des Großen, den historischen Wilhelm von Oranien und Toulouse, der als Volksheilige im 11. Jahrhundert (1066) zum Schutzpatron der Ritter benannt wurde. Im Laufe der spannenden Überlegungen an Ort und Stelle in Orange, Arles und Saint-Guilhelm-le-Désert in Sud-Frankreich entpuppt sich nun dieser Willehalm allmählich als der sagenhafte Meister Kyot des Provençalen, der als solche die wirkliche Quelle für sowohl Wolframs Willehalm wie auch für sein Parzival gewesen sein soll. Der Parzival wäre somit keine veredelte Fassung und Weiterführung des etwa 1180 erschienenen Perceval von Chrestien de Troyes, sondern beide Gralsdichter stützen sich im Wesentlichen auf die “Memoiren” des gleichen Gewährsmanns, nämlich Willehalm-Kyot, dessen Überlieferungen anscheinend durch zwei verschiedene, mündliche Überlieferungsketten von elf Generationen an den jeweiligen Dichter gelungen sind.
Im zweiten Teil des Greub’schen Forschungsberichtes unter dem Titel Parzival wird nun im Kapitel “Schastel Marveil” deutlich auseinandergesetzt, dass diese Clinschorburg im 9. Jahrhundert nicht, wie allgemein angenommen wird, in Sizilien (Caltabellota) gestanden haben kann, sondern nur auf dem Isteinerklotz beim Dorf Istein am Oberrhein, etwa 15 km nördlich von Basel. Dass Clinschors Schastel Marveil nicht mit Caltabellota (Wolframs Kalot enbolot) in Süditalien identisch sein kann, ergibt sich aus den folgenden, von Werner Greub angeführten Gründe. So schreibt er auf S. 357: “Wolfram unterscheidet diese beiden Orte mit aller Deutlichkeit. Arnive [die Mutter Arturs, eine der vielen Königinnen, die auf dieser Zauberburg gefangengenommen waren] spricht zu Gawan [ihr Befreier] von Kalot enbolot (P. 657, 15):
daz ist ein burc vest erkant. Die Burg ist bekannt als eine starke Festung.

Der Isteinerklotz im 18. Jahrhundert am Oberrhein. Nach Greub Ort im 9. Jahrhundert der Zauberburg “Schastel Marveil”.
Diese Erklärung wäre kaum nötig, wenn Arnive und Gawan ihr Zwiegespräch auf Kalot enbolot führen würden.”
Obwohl es geographischen Parallelen zwischen den beiden riesigen, von natürlichen Höhlen durchzogenen Felsbrocken gibt, fehlt dem angeblichen Ort des Schastel Marveil in Sizilien die richtige Umgebung. Es fehlt vor allem der schiffbare Strom, den Gawan überqueren musste um Clinschors Zauberburg Chastel Marveil zu erreichen. Wenn Wolfram sich als Geograph ausweisen soll, müssen natürlich auch die räumlichen Distanzen zutreffen. Greub (auf S. 358): “Gawan, der wissen muss, ob Schastel Marveil in der Nähe von Basel oder in Sizilien zu suchen ist, glaubt jedenfalls dass die beiden Orten – Munsalvaesche und Schastel Marveil – nahe beieinander liegen. Wolfram sagt (P. 580, 1-5):
dô Gâwân hête vernomn | Als Gawan den Namen
Munsalvaesche nennen, | Munsalvaesche hörte,
do begunder freude erkennen: | freute er sich sehr, denn er glaubte,
er wânde er waer dâ nâhe bî. | die Burg sei ganz in der Nähe.
Cundrie – die andere Kennerin der Verhältnisse – drückt sich mit Bezug auf die Entfernung zwischen Munsalvaesche und Schastel Marveil noch genauer aus als Gawan. Wenn Munsalvaesche in der Nähe von Basel liegt, dann ist ihre Aussage geeignet, die bisherige Identifikation von Caltabellota mit Schastel Marveil zu erschüttern. Wer Cundries Angabe überprüft, der wird Sizilien mit Überzeugung ablehnen und Schastel Marveil unvoreingenommen dort suchen, wo die Angaben Wolframs uns hinführen: in der Nähe von Basel. Cundrie spricht am Plimizoel – den wir mit dem [bei Basel in den Rhein fließenden] Birsfluss identifizieren – am nachmittag des 21. September 842 von Schastel Marveil. Sie behauptet (P. 318, 24):
ich wil doch hînte drûffe sîn. | Noch heute Nacht werde ich dort sein.
So etwas wäre nicht möglich, wenn sie vom Ufer der Birs nach Sizilien reiten müsste.”
Werner Greub verblüfft mit weitere Einzelheiten und Zusammenhänge, die wir hier nicht alle wiederholen können, die jedoch seine überraschende These untermauern: Wolframs Schastel Marveil stand auf dem Isteinerklotz.
Die Marschroute von Chastel Marveil nach Munsalvaesche
Ein interessantes Detail ist nun, dass der Schweizer Historiker Jakob Burckhardt im 19. Jahrhundert diese damals noch so liebliche Gegend am Oberrhein mit ihren zahlreichen Fischerdörfern und Weinbau-gebieten und dem beinahe mediterranen Klima “Klein Italien” genannt hat – eine Art Gegenstuck zur Petit Camarque auf der anderen Seite des Rheins im Elsaß mit ihrer noch immer fast subtropischen Bepflanzung. Nach der Rhein-Korrektur gegen Ende des 18. Jahrhunderts, setzte sich hier im Verlauf des 20. Jahrhunderts eine noch viel weitgehendere, radikale Veränderung durch: die auf dem Isteinerklotz gebaute starke Festung im 2. Weltkrieg wurde den südlichen Angelpunkt der Siegfriedlinie. Und wenn berichtet wird, dass während des Ersten Weltkriegs die aus vielen verschiedenen Nationen stammenden Arbeiter des ersten Goetheanumgebäudes in Dornach bei Basel in der neutralen Schweiz aus der Ferne das dumpfe Grollen von Schüsse gehört haben, so kann dies nirgendswo anders hergekommen sein, als von den schweren Kanonen, mit denen man von diesem ehemaligen Clinschorschloss Elsaß-Lothringen mit Projektilen beschossen hat. – Nach den beiden Weltkriegen wurden die errichteten Verteidigungs-anlagen vom Sieger gesprengt, und wo im 19. Jahrhundert auf dem Isteinerklotz noch ein schönes Lusthof gestanden hat, sind heute nur die riesigen Trümmer der schon vom Wolfram im 12. Jahrhundert als starke Festung beschriebene Anlage zu sehen.
Im weiteren Verlauf des Kapitels “Chastel Marveil” werden nun die weiteren Örtlichkeiten in der Umgebung von Istein lokalisiert, die sich über den ganzen Elsaß von etwa Strassburg über Odilienberg, Andlau, Colmar und Mulhouse bis nach Arlesheim/Dornach erstrecken,[1] und wird genau die Route von Schastel Marveil nach Munsalvaesche rekonstruiert, die Parzival und Feirefiz unter der Führung von Cundrie am Pfingstsamstag, den 12. Mai 848 abgelegt haben müssen. Die Reise führt zunächst entlang der Rheinebene, welche Wolfram als “Joflanze” bezeichnet [2], ein Wort, dass Greub, entsprechend der damaligen und z.T. auch noch heutigen Verhältnisse, in Zusammenhang bringt mit Schafland = Schofland, was dann in französische Zunge zu “Tschoflance” wird. Am Ende dieser Rheinebene erreichen die Reiter Barbigoel, “die herrliche Hauptstadt von König Meljanz von Lîz” (P. 385,2-3), das heutige Basel. Barbigoel erinnert an den Namen der römisch-keltischen Stadt “Arialbinum”, die Greub mit der sogenannten Spalenvorstadt von Basel identifiziert, und Lîz entspricht dem Namen “Lys”, ein Ort, der außerhalb der frühmittelalterlichen Stadt Basel, an der Weggabelung der beiden Römerstrassen von Augst nach Strassburg und von Augst nach Larga, gelegen haben soll. Auch der heutige Strassenname “Uf der Lys” ist aufschlussreich.

Blick vom Rande des Waldes Soltane am Nordteil der Terre de Salvaesche in der Arlesheimer Ermitage gegen die Mündung des Plimizoel [10], Barbigoel [4] und Schastel Marveil [6]. Hinter [5] liegt Joflanze
Am Ende des Kapitels “Chastel Marveil” (auf S. 392 ff.) werden den weiteren Verlauf der Reise und die daraufhin folgenden Ereignisse so beschreiben: “Bevor Cundrie mit dem designierten neuen Gralskönig und dessen schwarz-weißen Bruder die Schönmatt erreichte, verließen die drei den gebahnten Weg und ritten dem Plateaurand entlang – ungefähr längs der heutigen Grenze zwischen den Kantonen Solothurn und Baselland – bis zu jenem Punkt, an welchem der Weg abzweigt, der von Gempenstollen- häuser nach Munsalvaesche hinabführt. An diesem Ort, an der Grenze von Terre de Salvaesche, befand sich die «Warte». Diese Stelle musste bewacht werden, weil der Zugang zu Munsal- vaesche dort, geländemässig gesehen, absolut offenlag. Der Ort, an welchem die Burg stand, liegt zwar versteckt im Wald und abseits aller Strassen an einem « ungebahnten Pfade»; wer jedoch zufällig dorthin kam, der gelangte von dort, auf einem nur leicht abfallenden, ungefährlichen Weg, hinunter bis vor das obere Tor der Gralsburg.
Auf diesem Weg über Gruet und an Schönmatt vorbei, kommen die drei Reiter weder bei Sigune noch bei Trevrizent vorbei. Trevrizent wohnt unten im Tal oder wie Wolfram sagt: dort vorne (P. 788, 15). Parzival nähert sich der Burg von der entgegengesetzten Seite: von oben herunter, gleichsam von hinten. Die Beschreibung dieses Rittes bestätigt die Distanz Istein-Hornikopf (Munsalvaesche): Die Reiter benötigen nur Stunden.
Nachdem Parzival und Feirefiss auf Munsalvaesche empfangen worden sind, nachdem sie gegessen und getrunken haben und Parzival die erlösende Frage an Anfortas gestellt hat, wird dann von Munsalvaesche hinuntergeritten ins Tal, in welchem der See Brumbane liegt. Ganz vorne im Tal, an dessen Ausgang, gelangt Parzival mit der ihn begleitenden Templeisenschar zu Trevrizent (P. 797, 18). Auch dieser Besuch, spätabends bei Trevrizent, erfolgt noch am 12. Mai 848, also am gleichen Tag, an welchem Parzival mit Feirefiss [und Cundrie} von Joflanze über Barbigoel nach Munsalvaesche oder von Istein über Basel auf den Hornikopf geritten ist. Die unseren Identifizierungen entsprechenden Örtlichkeiten liegen also durchaus so, dass die dazwischen liegenden Distanzen in der durch Wolfram angegebenen Zeit zurückgelegt werden können. Parzival verlässt Trevrizent in der Frühe des Pfingsttages. Den Rest der Nacht streicht er durch den Wald und gelangt in der Morgendämmerung an den Ort der drei Blutstropfen. Dort erwartet der Herzog Kyot die Ankommenden.

Die Brücke über den Plimizoel = die Birs in Dornachbrugg. Im Hintergrund der Wald Brizljân mit dem Artus-Schloss Karminâl = Dorneck; ganz links ist Gempenfluh, die höchste Erhebung hinter Munsalvaesche.
Der Ort des Wiedersehens ist auf Grund der Angaben Wolframs über den Segramor-Kampf geographisch lokalisierbar. Das Artus-Heer lagerte damals, von der Brücke von Dornachbrugg an, flussabwärts, eine Meile weit beidseits des Plimizoel, das heißt ungefähr bis zum heutigen «Gestade» von Münchenstein. Artus lagert unterhalb des Hochgestades von «In den Hagenbuchen», auf welchem auch das Schwimmbad Arlesheim liegt, auf der Ebene zwischen Birs und Hochgestade, durch welche auch die Eisenbahnlinie führt. Um nach Laland zu gelangen, muss Chunnevares garzün Birsaufwärts bis zur Brücke von Dornachbrugg auf der Ostseite der Birs bleiben. Erst auf der Brücke kann er die Birs überschreiten, um nach Laland = Landskron und von dort nach Karnant-Oberlarg zu reiten. Auf diesem Weg zur Brücke von Dornachbrugg, etwa bei Stollenrain, trifft Chunnevares Bote auf Parzival. Der Ort ist vom Artus-Lager aus sichtbar. Ich habe mich oft gefragt, ob Wolfram von Eschenbach diesen Ort, der zwischen Arlesheim und Dornach liegt, expressis verbis, aber doch versteckt nennen wollte. Wolfram charakterisiert Segramor als angriffslustigen Mann und sagt (P. 285, 6):
ninder ist so breit der Rin | nirgends ist der Rhein so breit
dass Segramor nicht hinüberschwämme, wenn jenseits ein Kampf warten würde. Der rin spielt ja im Parzival – hauptsächlich im Zusammenhang mit Schastel Marveil – eine große Rolle. Im Walde Brizljân sind wir nur 8 Kilometer vom Rhein entfernt. Wolframs Vergleich mit dem Rhein drängt sich hier einem Kenner auf.
Wolfram sagt von Segramor auch noch, dass er an den Schellen, die er am Sattelzeug seines Pferdes und an seiner Rüstung trug, überall zu hören gewesen sei; man hätte ibn selbst zum Fasan ins Dorngebüsch werfen können und man hätte ihn am Schellenklang gefunden. Der Vergleich ist nicht ganz überzeugend. Ein Mann im Dorngebüsch könnte sich nicht mehr so ausholend bewegen, dass er seine Schellen voll zum Klingen brächte. Was sucht denn Wolfram mit seinem hinkenden Vergleich? Hat er damit auf den Namen des Ortes angespielt, an welchem der Segramorkampf stattfand? Folgendes ist jedenfalls merkwürdig: Im Mittelhochdeutschen wird ein Dorngebüsch normalerweise als «dornbusch» oder «dornicht» bezeichnet. Wolfram sagt aber (P. 287, 1):
zem fâsan inz dornach. | hinter einem Fasan ins Dorngebüsch
«dornach» für «dornicht» ist deshalb auffallend, weil Wolfram mit diesem Wort «dornach» exakt den Namen des Ortes ausspricht, an welchem sich der Segramorkampf abspielte: in der Nähe von Dornach, bei der Birsbrücke von Dornachbrugg.
Der Name von Dornach im Kanton Solothurn bezieht sich allerdings auf ein Dorngebüsch. Der Vergleich mit dem Dornicht lag nahe. Wolfram verwendet hier aber nicht den in seiner Heimat üblichen Begriff «dornich», sondern den Begriff «dornach», der hier und im benachbarten Elsaß für ein Dorngestrüpp gebräuchlich war. Wenn Wolfram an dieser Stelle den Ortsnamen nicht in sein Gedicht hineingeheimnisst hat, dann verrät er wenigstens seine verblüffende Kenntnis lokaler sprachlicher Eigenarten.
Auffallend ist ja, dass Wolfram auch für die Elster nicht den in der Gegend von Wolframs Eschenbach gebräuchlichen Namen Hetzel verwendet. Er bezeichnet die Elster als «agelstern», also mit dem Ausdruck, der in der Nordwest-Schweiz und im Elsaß heute noch mundartlich für Elster gebraucht wird. Diese intimen Ortskenntnisse mit Bezug auf sprachliche Eigentümlichkeiten konnte Wolfram nicht von Kyot haben, denn dieser sprach französisch. Wolfram muss diese Ortskenntnisse auf seinen Pilgerfahrten zu den Gralsstätten erworben haben.
Gegen Abend des Pfingsttages von 848 nehmen Parzival und Condwiramur [mit Loherangrin] in Dornachbrugg Abschied von ihrem Onkel Kyot und ihrem [zweiten] Sohn Kardeiz. Sie ziehen zurück über Arlesheim zum Eingang des Tales von Terre de Salvaesche und steigen in der «Ermitage» durch das Eingangstor im Felsen dem schnellen Brunnen entlang, zur Klause der Sigune hinauf (P. 804, 10).
Bei Nacht reiten sie nachher noch eine Meile weiter, nach Munsalvaesche hinauf, wo dann – immer noch am Pfingsttag des Jahres 848 – das rituelle Mysterienspiel zelebriert wird, welches nur an hohen Feiertagen aufgeführt worden ist. In diesem Spiel nimmt nun Parzival – als neuer Gralskönig – die Stelle des Anfortas ein.
Die Abreise des Feirefiss mit Repanse de Schoye am 24. Mai erfolgt wieder auf dem oberen Weg über das Plateau von Gempenstollen nach Schönmatt und an dem Hof Soltane vorbei nach Karchobrâ-Münchenstein. Von Münchenstein, wo der burcgrâve von karchobrâ seines Amtes waltet, gelangt Feirefiss nach dem 20 Kilometer weiter nördlich gelegenen Joflanze, wo [nur] noch (P. 822,1):
Liute ein teil si funden. | wenige Leute zu finden waren.
Artus war abgereist nach Dianazdrûn = Dijon, genau gesagt nach Schamilôt = Champmol [bei Dijon], dem späteren Sitz der Herzöge von Burgund.
Durch den Breisacherwald = Lae prisin erreicht Feirefiss weitere 20 Kilometer weiter nördlich seine Flotte. Dass auch die Boten des Feirefiss, welche die Nachricht von Sekundillens Tod brachten, in den Rhein und nicht in die Loire eingefahren sind, zeigt, dass auch sie wußten, dass Anschouwe [d.h. Andlau] am Rhein und nicht in Anjou an der Loire zu suchen war.”
‘groezer wunder selten ie geschah!’
Nun sind wir so weit gekommen, dass wir den eigentlichen Sinn des Ganzes einsehen können, d. h. des Parzival von Wolfram von Eschenbach sowie das Bemühen mittels der Burgenwanderung und Eremos-Neugründung am Pfingsten 2002 auf diesen tieferen Hintergrund aufmerksam zu machen und ihn ja erstmals zu begreifen. Werner Greub erläutert diesen spirituellen Hintergrund in seinem zentralen Kapitel über Wolframs Astronomie, wo er aus der von Wolfram angegebenen Planetenkonstellationen folgert, dass das oben beschriebene Pfingstgeschehen vom Jahre 848 im Zeichen der Wiederholung des Sternes von Bethlehem über Palästina im Jahre 7 v. Chr. gestanden habe, einer dreifachen Konjunktion der Planeten Saturnus und Jupiter im Sternbild der Fische. Über dieses “große Wunder” (Trevrizent) unter dem “Stern von Munsalvaesche” schreibt Greub auf S. 218 ff: “Dieses Spiel der beiden Planeten, welches nur bei einer dreifachen Konjunktion in dieser Weise stattfindet, wird durch Trevrizent in zwei Sätzen angedeutet (P. 490, 3-6):
etslîcher sterne komende tage | Wenn nämlich bestimmte Planeten,
die diet dâ lêret jâmers klage, | die hoch über den anderen Sternen,
die sô hôhe ob ein ander stênt | in unregelmäßigen Bahnen bewegen, ihren Lauf beginnen,
und ungelîche wider gênt. | ertönt beim Gralsvolk jammervolle Klage!
Dieses Spiel der beiden Planeten – rechtläufig, rückläufig, übereinanderstehend und ungleich ausein-andergehend – vollzog sich anschließend an die erste der drei Konjunktionen am Gralskönigstag noch zweimal. Feirefiss konnte die erste Annäherung der beiden Planeten vom fôreht laeprisin [Breisacherwald] aus verfolgen, und er empfand deutlich, dass er seinen Zug nach dem Westen – ebenfalls ähnlich wie die drei Magier aus dem Morgenland – im Zeichen dieses Sterngeschehens voll-führte. Er spricht (P. 748, 23-25):
geêrt sî des plânêten schîn | Gepriesen sei auch das Licht der Planeten,
dar inne diu reise mîn | in dessen Zeichnen
nâch âventiure wart getân. | ich meine Abentuerreise unternahm.
Auch Feirefiss hat somit die Suche nach seinem Vater nach dieser kosmischen Saturn-Jupiter-Konjunktion gerichtet. An Stelle des Vaters fand er den Bruder und durch diesen – ohne danach gestrebt zu haben – den Gral.
Parzival hingegen war der erste Mensch, der ganz bewusst nach dem Grale strebte und ihn errang. Über diese Tatsache ist selbst Trevrizent erstaunt. Er hatte am 23. März 848 Parzival noch darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Gral nicht streiten lasse (P. 468, 10-14):
ir jeht, ir sent iuch umben grâl: | Ihr aber auch gesagt, dass Ihr nach dem Gral verlangt.
ir tumber man, daz muoz ich klagn. | Ihr Tor! Das kann ich nur bedauern.
jane mac den grâl nieman bejagn. | Den Gral kann allein erringen,
wan der ze himel ist sô bekant | Wer im Himmel bekannt genug ist,
daz er zem grâle si benant. | Zum Gral berufen zu werden.
Sieben Wochen später, in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 848 musste sich Trevrizent dann zu seiner eigenen Überraschung korrigieren (P. 798, 1-5):
Trevrizent ze Parzivâle | sprach Trevrizent sagte zu Parzival:
groezer wunder selten ie geschah, | “Selten ist ein größer Wunder geschehen!
sît ir ab got erzürnet hât | Irr habt Gottes
daz sin endelôsiu Trinitât | allmächtiger Dreieinigkeit
iwers willen werhaft worden ist. | die Erfüllung Eures Willens abgetrotzt!”
Damit gibt Trevrizent einen Hinweis auf den eigentlich neuen Einschlag in der Geschichte, welcher im Zeitpunkt der dreifachen großen Konjunktion – im Sternbild der Fische – möglich geworden ist. Bis dahin nützte alles Streben nach dem Grale nichts. Man musste durch den Himmel zum Grale berufen sein. Mit Parzival ist dies anders geworden. Parzival hat durch selbständiges Denken und bewusstes Streben nach dem Gral selber die Vorbedingung geschaffen, dass ihm der Gral zuteil wurde. Dies ist ein absolutes Novum, das eigentliche, große Wunder in der Gralsgeschichte. Deshalb sagt Trevrizent:
groezer wunder selten ie geschah. | Nie ist ein größer Wunder geschehen!
Es ist neu, sagt Trevrizent zu Parzival:
daz sin endelosiu Trinitát | Irr habt Gottes allmächtiger Dreieinigkeit
iwers willem werhaft worden ist. | die Erfüllung Eures Willens abgetrotzt!
Es ist also seit der Saturn-Jupiter-Konjunktion vom 13. Mai 848 möglich, den Gral bewusst und mit Erfolg zu erstreben. Vorher war es verderblich, den Gral bewusst suchen zu wollen. Parzival selbst erzählt dies, mit folgenden Worten (P 786, 4-12):
als Trevrizent dort vorne jach, | Was er von Trevrizent erfahren hatte:
daz den grâl ze keinen zîten | Niemals könne ein Mensch den Gral erkämpfen,
niemen möht erstriten, | Der nicht von Gott zu ihm berufen sei.
wan der vor gote ist dar benant. | Die Nachricht, dass der Gral
daz maere kom über elliu lant, | Durch Kampf nicht zu erringen sei,
kein strit möht in erwerben: | verbreitete sich über alle Ländern
vil liut liez dô verderben | Und viele Ritter wurden dadurch bewogen
nâch dem grâle gewerbes list, | Ihre Suche nach dem Gral aufzugeben,
dâ von er noch verborgen ist. | so dass er seitdem für immer verborgen sei.
Soweit die kulturhistorische und geisteswissenschaftliche Begründung zur kosmopolitischen Burgen-wanderung. Die erste Etappe vom Isteinerklotz nach Basel (Münsterplatz) soll am Pfingstsamstag, den 18. Mai stattfinden, die zweite Etappe von Basel via Münchenstein nach Dornach/Arlesheim am Pfingstsonntag, den 19. Mai (siehe das Programm auf S. 16). Die französische Delegation soll angeführt werden durch den Grafen Christian d’Andlau, aus Paris und Andlau, den Gründer und ersten Vorsitzenden des im Jahre 2001 in Strassburg eingeschriebenen Vereins La Route du Graal,[3] die deutsche Delegation durch die Historikerin Katharina DeGand, und die holländische Delegation durch den Schreiber dieser Zeilen. Aus der Schweiz macht Thomas Bitterli, Redaktor der Zeitschrift Mittelalter des Schweizerischen Burgenvereins mit. Eine amerikanische bzw. englische Delegation muss noch gebildet werden, sowie eine afrikanische und arabische, die in den Spuren von Feirefiz und Cundrie treten wollen. So weit wie möglich sollen auch lokale Vertreter, Journalisten oder interessierte Behörden eingeladen worden mitzumachen, bzw. die Delegationen vor oder während der Wanderung zu empfangen und befragen. Auch soll versucht worden das geplante Geschehen in einem Dokumentarfilm fest zu legen. Wie schon angedeutet, soll schließlich am dritten Tag der Burgenwanderung, am Pfingstmontag, den 20 Mai die Eremos-Gesellschaft für Gralsforschung in Arlesheim wieder ins Leben gerufen werden.
Zur Neugründung der Eremos-Gesellschaft für Gralsforschung
Die Eremos-Gesellschaft wurde am 8. November 1985 durch eine Gründungsversammlung im Heimatmuseum Trotte in Arlesheim ins Leben gerufen. Als Vorstandsmitglieder wurden Robert J. Kelder (Präsident), der als Publizist an der unten erwähnten Eremitage-Ausstellung in Arlesheim mitgearbeitet hat, Helmuth Hofer, Emil Weinman, Brigitte Gubser und Lukas Zay gewählt, Martin Kreiliger wurde als Rechnungsrevisor benannt.
Im Präambel der Statuten hieß es:
Im Gedenken an dem im Jahre 1785 in der Arlesheimer Eremitage von Balbina von Andlau und Heinrich von Ligertz angelegten Englischen Garten fand im Jahre 1985 eine Jubiläum-Ausstellung “200 Jahre Eremitage” im Heimatmuseum Trotte zu Arlesheim bei Basel statt. Als ein “Deutungsversuch” wurde der hier im Anhang wiedergegebener Text “Die Eremitage als Gralsgebiet” in diese Ausstellung integriert. Zum gleichen Thema fanden ebenfalls im Rahmen der Ausstellung zwei Abendgespräche mit Werner Greub, Autor des Buches “Wolfram von Eschenbach und die Wirklichkeit des Grals” im Museum Trotte statt. Des weiteren wurden Führungen in die Eremitage und Umgebung gemacht, und ein Lichtbildervortrag “Die ‘Gralsgeographie’ von Arles bis Arlesheim” von Robert J. Kelder im Museum Trotte gehalten.
